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Sailing

The wind is free. 

Und weil Segeln natürlich immer Option Nummer eins ist, darf ich mit der Segelgruppe von meinem Bruder auch noch mitkommen. Er würde sagen: „Diesmal mit einem richtigen Segelboot.“

Eine komplette Anfängergruppe. Nach einer ordentlichen (Sicherheits-) Einweisung geht es los. Schon nach einer halben Stunde kristallisiert sich heraus, dass die Gruppe voll motiviert ist und wir durchqueren die enge Passage zwischen der Insel “Radelj” und “Mali Prisnjak” – die Ausfahrt von der Marina Pirovac und Murter – gleich unter Segel am Amwindkurs – d.h. eine Wende nach der anderen im engen & seichten Fahrwasser.

Dann haben wir ja eine gute Woche erwischt um zum ersten Mal einen Genaker  auszuprobieren. Gesagt getan, kaum ist das Segel gehisst, hat sich leider der Schäkel vom Spifall verabschiedet (Bruch) und das Segel fällt ins Wasser. Wär auch zu schön gewesen. Shit, das Spifall hat sich ganz oben im Mast verhängt. Zur Reparatur muss einer da rauf auf knappe 22m Höhe.

Die Aussicht da oben ist der Wahnsinn, aber man sollte schwindelfrei sein. Während der Fahrt schaukelt es ganz ordentlich. Von unten sieht das einfach viel harmloser aus als es dann wirklich ist. Eigentlich geht dir die ganze Zeit nur folgendes durch den Kopf: „Hoffentlich hält das Fall und die Knoten sind richtig – und die da unten wissen was sie da tun, wenn Sie die Winch bedienen“ 😀 Aber ich war ja auch noch ein zweites Mal gesichert. 

Die Jungs wollen auch den Segelschein machen. Von uns bekommen Sie dazu Ihre erste Seemeilenbestätigung für die Ausbildung. Aber was darf bei der Ausbildung nicht fehlen? Eine Nachtfahrt! Der Wetterbericht ist gut. Die Crew motiviert. Also planen wir eine Fahrt von 11h und 65Sm von der Abenddämmerung bis in die Morgenstunden. Leichte ungute achterliche Welle schaukelt das Boot die ganze Nacht durch, aber die Crew bleibt stark.

Leicht bewölkt, aber mit ausreichenden Wolkenlöchern beobachten wir die Sterne – so deutlich sichtbar wie auf dem Meer (keine Lichtverschmutzung) kennt man Sie normalweise nicht. Jede Menge Fischer sind unterwegs. Für sechs Stunden steht Kurs 145° an. Um 3:30 Kursänderung, der Wind frischt auf, wir setzen die Segel. Das Meer rauscht, der Wind weht, ein Leuchtfeuer am Horizont. Über der Insel Vis – welche wir ansteuern – erkennt man ein dunkles Wolkengebilde, einige Blitze in weiter Ferne – eine Nachtfahrt ist etwas unbeschreibliches und unter Segel einfach nicht zu toppen. Mein Bruder und ich kommen auf die vollen kosten! Einfach Geil!

Ich bilde mir ein, im Schein der Navigationslichter einen fliegenden Fisch gesichtet zu haben, aber leider zu undeutlich um das wirklich behaupten zu können.

6:50 Leinen Fest an einer Boje, wir sind müde und erschöpft, aber das ist es jedes Mal wieder Wert. Gute Nacht!

Die restlichen Tage erfolgen bei gechilltem Segeln, schlussendlich schaffen wir es auch den Genaker nochmal richtig und ohne Zwischenfälle zu setzen. 5,4kn Fahrt bei 7,7kn Wind und das bei Raumschotkurs. Das ist Speed. Abends gabs immer leckeres Essen. Am besten waren die selbstgemachten Miesmuschel Spaghetti. 

Die Nachtfahrt hat bei den Neulingen sichtlich Eindruck hinterlassen. Beim Abendessen wurde eine weitere Nachtansteuerung gefordert. Naja, dann „Klar Schiff“ und „Leinen Los!“. Diesmal aber nur bis Mitternacht um etwas Schlaf abzubekommen.

 

Unsere Fischerversuche waren leider Erfolglos. Hier müssen wir noch etwas dazulernen. 😀 

Dafür haben wir aber wieder Delphine gesichtet 🙂

Es ist schon deutlich mehr los als in der Woche zuvor, aber immer noch sehr wenig. In der Marina Skradin hat uns der Marinero mit: “Welcome to the Marina, after FUCKING CORONA!” begrüßt. 😀

Glossar:
Amwindkurs: Ein Kurs etwa 30°-40° gegen den Wind. 

Aufkreuzen: Zickzackkurs gegen den Wind

Wende: Segelmanöver, mit dem Bug durch den Wind, Teilmanöver beim Aufkreuzen

Raumschotkurs: Der Wind schräg von hinten kommend.

Fall: Ein “Seil” vom Maste herunterkommend

Genaker: asymmetrisches Leichtwindsegel für Raumschotkurse

Schäkel: Ein Bauteil zum übertragen von Zugkräften, in unserem Fall: die Verbindung vom Segel zur Schot

Schot: Eine Leine zum Bedienen des Segels

Spifall: Ein Tauwerk zum setzen des Genaker, vom Mast herunterkommend

achterlich: hinten, von hinten

Knoten (kn): Einheit der Geschwindigkeit beim Segeln, 1kn = 1,852km/h

Seemeile (Sm): Einheit der zurückgelegten Strecke beim Segeln, 1Sm = 1,852km

Zahlen:  +7 Tage  //  +88km  // +238 Seemeilen